Kammermusik aus Italien, 23.-30.09.2018, Theater in Kempten, Künstlerischer Leiter: Oliver Triendl
CLASSIX Kempten - Newsletter vom 22.06.2018
Inhalt
- Interview mit der Komponistin Virginia Guastella
- Der »CLASSIX Kempten«-Kanal auf YouTube
- Wussten Sie schon? Fakten und Geschichten zum Festival
- Der CLASSIX-Flyer 2018 zum Download
- Karten bestellen
Liebe CLASSIX-Freunde,
in dieser Ausgabe steht unsere diesjährige Composer-in-Residence, Virginia Guastella, im Mittelpunkt. In Kempten wird man von ihr sechs Werke hören, darunter die Uraufführung von »The House of Sleep« für Violine und Klavier. Gottfried Franz Kasparek hat sich mit ihr unterhalten und stellt im Interview die erstaunliche Vielfalt dieser Komponistin vor.
Als feste Abteilungen finden Sie in unserem Newsletter wie immer einen Tipp zu unserem YouTube-Channel und in »Wussten Sie schon« geht es diesmal um »Composer-in-Residence« und Uraufführungen.

Herzliche Grüße aus dem Allgäu
Heinz Peller für das CLASSIX-Team

Interview mit der Komponistin Virginia Guastella

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Virginia Guastella im Gespräch mit Gottfried Franz Kasparek

Sie sind schon als Kind zur Musik gekommen. Wer waren Ihre prägenden Lehrer?
Ja, ich habe mit vier Jahren begonnen, Musik zu machen, und dann mit siebzehn Jahren mein Klavierstudium in Palermo abgeschlossen. Ich wollte einfach alles schnell fertig machen. Dann kam das wichtige Kompositionsstudium in Bologna bei Adriano Guarnieri.

Aber Sie waren auch Schülerin von Salvatore Sciarrino?
Das war eine Meisterklasse in der Accademia Chigiana in Siena. Die Arbeit mit Salvatore Sciarrino war für mich sehr bedeutsam. Es ist ein charismatischer Professor und ein Komponist, der eine große Originalität ausstrahlt. Und auch ich möchte eine klare künstlerische Persönlichkeit sein, möchte dazu finden, auch wenn viele Stile und Ästhetiken für mich relevant sind. Sciarrino hat mir besonders vermittelt, wie sehr es beim Komponieren um die Strukturen geht.

In Kempten kommt es zur Uraufführung eines Werks für Violine und Klavier namens »The House of Sleep« – können Sie uns darüber schon etwas erzählen?
Die Inspirationsquelle ist ein Buch des englischen Dichters Jonathan Coe. Sein Roman »The House of Sleep« (Anm. auch auf deutsch erhältlich, »Das Haus des Schlafes«) ist eine Art Entwicklungsgeschichte, in der es um Traum und Wirklichkeit geht. Es gibt darin eine Fülle von Personen mit packenden Charakteren und vielen Fakten. Mein Stück, in dem ich mich gleichsam selber in das mysteriöse Haus begebe, in dem Coes Erzählung spielt, wird eine Mischung aus festgelegten Teilen und Improvisation. Bruno Maderna, ein großes Vorbild für mich, hat Ähnliches mit seiner »Serenata per un satellite« versucht. Ich schreibe für dieses Stück bewusst Avantgardemusik, die viele Kombinationen offen lässt und im Spannungsfeld zwischen ausnotierten Klängen und Spontaneität auch Techniken des Free Jazz hörbar werden lässt.

Wenn ich ihr Klavierquartett »Notturna« höre, denke ich weniger an Avantgarde, sondern mehr an eine neu formulierte Romantik – ein Beweis für Ihre Vielseitigkeit?
Durchaus – und die Romantik haben Sie richtig empfunden. Das Stück war ein Auftragswerk, in dem Frédéric Chopin eine Rolle spielen sollte. Ich habe selber in jüngeren Jahren viel und sehr gerne Chopin gespielt und wollte mich in diesem »Nachtstück« auf der einen Seite mit seiner stilbildenden Verwendung des Pedals auseinandersetzen, andererseits gleichsam eine Abstraktion seiner Musiksprache entwerfen. Das Stück ist eine Hommage, was immer sehr delikat ist. Außerdem war er Komponist und Pianist in einer Person, was eine gewisse Verbindung zu meiner Arbeit schafft.

Auch im Klaviertrio »Une vague pour un cacher une autre« steht ein anderer Großer der Vergangenheit im Fokus Ihrer Musik.
In diesem Fall ist es Maurice Ravel. Das Material meines Stücks entstammt seinem Klaviertrio, ich verwende allerdings nur kleine Fragmente daraus. Es geht darin um eine Konzeption des Begriffs Zeit. Und wie der Titel sagt – eine Welle kann eine andere verbergen. Mein Stück ist sozusagen die Antwort auf das Trio von Ravel.

Die »Parties diverses« für Bläserquintett empfinde ich auch impressionistisch und mit ihrer aufsteigenden Melodie wie eine Frage, die am Ende eine ruhige Antwort findet.
Das kann man so empfinden. Es geht in diesem Quintett im Prinzip um eine »idée fixe«, aus der sich unterschiedliche Klangblöcke und Variationen ergeben. Aber es wird in Kempten ein wenig anders klingen, denn ich mache eine Revision. Es soll mehr Geschwindigkeit vermitteln, mehr »speed« haben, wie es auf Englisch heißt.

„... à bout a soffle …“, deutsch „Atemlos“, ist der Titel eines Trios für Flöte, Klarinette und Klavier, in dem auch die menschliche Stimme zum Einsatz kommt.
Der Titel bezieht sich auf einen Film von Jean-Luc Godard. Es geht in dieser kurzen Studie in der Tat um die musikalischen Qualitäten von Atem und Stimme, um Flüstern und Murmeln ins Instrument, da gibt es ja mittlerweile etliche neue und faszinierende Spieltechniken für die Bläser.

Bleibt noch eine Hommage an Ihre Heimatstadt Palermo, »Vento del golfo« für Trompete und Streichquartett, es geht also um den Wind im Golf Golfwind.
Dieses Stück aus dem Jahr 2005 ist nicht avantgardistisch, sondern modal und tonal. Ich habe es für den tollen Jazztrompeter Paolo Fresu geschrieben. Eine Naturstudie, jazzig, leicht zu hören. Man könnte das Stück auch als einen Soundtrack ohne Film bezeichnen.

Sie schreiben ja auch Filmmusik und wandern zwischen einigen musikalischen Sprachen. Ich habe den Eindruck, dass alle diese Sprachen doch unverwechselbar die Ihren sind.
Das hoffe ich. Ich habe schon sehr früh begonnen zu komponieren. In den letzten fünfzehn Jahren sind sehr unterschiedliche Stücke entstanden. Ich suche immer meinen Weg, Expressivität, Eindrücke, Gefühle mitzuteilen. Das Publikum soll das nachempfinden können. Auch wenn das mitunter nicht so leicht ist. Jedenfalls schreibe ich für die Menschen, die meine Musik hören. Und meine Musik kann eben so eingängig wie »Vento del golfo« sein oder auch eine, die mit extremen Ausdrucksformen arbeitet.

Sie arbeiten ja auch an Opernprojekten. Das aktuellste trägt den Arbeitstitel »Mein Name ist Floria«. Floria Tosca? Lieben Sie Puccini?
Absolut! Und ich habe mich als Korrepetitorin, zum Beispiel für Mozarts Oper »Die Zauberflöte« unter Claudio Abbado, oder auch als Pianistin in »Ariadne auf Naxos« von Richard Strauss schon früh mit dieser Kunstform auseinandergesetzt. Was mein Floria-Projekt betrifft, das sich mit der Figur der Tosca beschäftigt, wird das natürlich keine Puccini-, sondern eine Guastella-Oper. Musiktheater kann das größte Gesamtkunstwerk sein. Ich denke an eine starke Verbindung mit »moving pictures«, den laufenden Bildern des Films.

Dann wünsche ich Ihnen, dass alles gut läuft, danke für das schöne Gespräch und freue mich auf Sie und ihre Musik in Kempten!

Mehr zur Vita von Virginia Guastella finden Sie hier ...

Der »CLASSIX Kempten«-Kanal auf YouTube

Kennen Sie schon unseren Video-Kanal mit Mitschnitten auf YouTube? Heute möchten wir Ihnen den ersten Satz »Adagio – Allegro moderato« aus dem Klavierquintett fis-Moll op. 67 von Amy Beach (1867-1944) vorstellen. In der Aufzeichnung vom Konzert II, Donnerstag, 28.09.2017, Theater in Kempten, musizieren: Bengt Forsberg (Klavier), Elisabeth Kufferath (Violine I), Nina Karmon (Violine II), Mari Fukazawa (Viola) und Amy Norrington (Violoncello).
Video auf YouTube ansehen ...

Mehr zur Komponistin und zum Werk aus dem Programmheft 2017 ...

Wussten Sie schon? Fakten und Geschichten zum Festival

Im letzten Newsletter haben wir nach der Zahl der Komponisten und Werke gefragt, die von 2006 bis 2017 beim internationalen Festival der Kammermusik in Kempten (Allgäu) vorgestellt wurden. Es wurden bisher 403 Werke von 268 Komponisten gespielt.
Seit dem zweiten Festival im Jahre 2007 gibt es auch immer einen Composer-in-Residence, von dem während der Festivalwoche fünf bis sechs Werke gegeben wurden. Sieben mal waren Uraufführungen dabei. Aber von welchen Komponisten?
Auch diese Antwort finden Sie in unserem Werkeverzeichnis oder als Auflösung im nächsten Newsletter. Hier noch die Liste unserer bisherigen Komponisten.

  • 2007 – Deutschland und seine östlichen Nachbarn
    Composer-in-Residence: Krzysztof Meyer, Polen
  • 2008 – Vive la France – Kammermusik aus Frankreich
    Composer-in-Residence: Nicolas Bacri, Frankreich
  • 2009 – Sommernachtsträume – Kammermusik aus Skandinavien
    Composer-in-Residence: Ragnar Söderlind, Norwegen
  • 2010 – Russland à la carte! – Kammermusik aus Russland
    Composer-in-Residence: Elena Firsova, Russland
  • 2011 – Classix very british – Britische Kammermusik von Purcell bis heute
    Composer-in-Residence: David Matthews, Großbritannien
  • 2012 – Ungarn: Kammermusik mit Paprika
    Composer-in-Residence: László Tihanyi, Ungarn
  • 2013 – Brennpunkt Wien 1900 – tonal, atonal, total egal
    Composer-in-Residence: Richard Dünser, Österreich
  • 2014 – Fundstücke unbekanntes Südosteuropa
    Composer-in-Residence: Milan Mihajlović, Serbien
  • 2015 – Geheimnisvolles Nordosteuropa
    Composer-in-Residence: Sebastian Fagerlund, Finnland
  • 2016 – Aus der Neuen Welt – Angeeignetes und Originäres
    Composer-in-Residence: Derek Bermel, USA
  • 2017 – Komponistinnen – Starke Stücke vom »schwachen Geschlecht«
    Composer-in-Residence: Katia Tchemberdji, Russland

Der CLASSIX-Flyer 2018

Der CLASSIX-Flyer 2018 ist da. Mit allen Konzertterminen, dem detaillierten
Programm und Kurzbiografien der mitwirkenden Künstler. Hier geht’s zum PDF-Download.

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Mehr Information rund um »CLASSIX Kempten 2018« gibt es im nächsten Newsletter in 14 Tagen am Freitag, 06.07.2018. Dann wieder mit der Vorstellung von Künstlern und Werken.
Alle Infos zum Festival immer auf classix-kempten.de.
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