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Katia Tchemberdji über ihre Familie und die Rolle von Komponistinnen

(aus einem Gespräch mit Katja Reese 2001)

Du kommst aus einer sehr musikalischen Familie mit einer langen musikalischen Tradition …
Ich sehe einen großen Luxus darin, dass man mit Musik als einer Selbstverständlichkeit aufwächst. Meine Großmutter, Zara Levina, war eine Musikerin von oben bis unten. Sie war Pianistin und eine sehr bekannte Komponistin in Russland damals. Sie hat einfach allein durch ihr Da-sein sehr viel Einfluss gehabt, weil sie immer gespielt hat, oder komponiert hat; es war genauso, wie wenn jemand in der Küche Salat macht, es war selbstverständlich. Manchmal war es sogar beängstigend. Ich habe manchmal von tiefen Klavierklängen geträumt, als Alptraum. Aber es war sozusagen Teil der Existenz. Mein Vater war kein Musiker, aber er hat – damals in Russland war das sehr ungewöhnlich, halb verboten – eine sehr große Jazz-Kollektion gehabt. Und diese Kombination aus Prokofieffs ›Peter und der Wolf‹, meiner spielenden Großmutter und irgendwelchen Platten mit früher amerikanischer Jazz-Musik, die ergab eine wunderschöne ›Ursuppe‹, in der ich dann geschwommen bin. Außerdem wohnten wir ja in dem Komponistenhaus, das Stalin den Komponisten geschenkt hat. Überall spielte es, über uns spielte der Nachbar die ganze Zeit Chopin-Etüden, unter uns komponierte jemand eine Oper, und so weiter. Es war ein Haus, wo überall die Musik wohnte und lebte.

Deine Mutter war auch Musikerin?
Meine Mutter ist ein Mensch, der auf der Kreuzung steht. Sie ist von der Ausbildung her Altphilologin und übersetzte viele Bücher aus dem Lateinischen und Griechischen. Sie hat aber ein großes Verständnis und Erfahrung mit Musik und hatte sehr viel damit zu tun. Insofern konnte sie diese Tätigkeit unterstützen und verstehen, und auch vermitteln.

Und sie kannte auch Swiatoslav Richter?
Ja, sie kannte Richter, sie war mit ihm gut befreundet, und sie hat mit ihm auch eine Konzertreise durchgemacht, durch ganz Sibirien. Sie hat auch ein Buch über ihn geschrieben. Sie hat viele Interviews mit Strawinsky ins Russische übersetzt, auch Schriften Rachmaninoffs, auch das Bernsteinbuch zum Beispiel hat sie aus dem Englischen ins Russische übersetzt. Sie hat wirklich viel mit Musik zu tun. [ … ]

Hast Du eine Erklärung dafür, dass es mehr Komponistinnen in osteuropäischen Ländern gibt als in westlichen Ländern?
Das ist schwierig, man müsste das ernsthaft untersuchen. Zum einen gibt es, würde ich sagen, eine allgemeine gesellschaftliche Erklärung: Die sowjetischen Frauen mussten alle arbeiten. Es war fast eine Sünde, wegen der Kinder zu Hause zu bleiben. Und sie wurden immer gleich bezahlt für ihre Arbeit. Anders kann ich mir es nicht erklären, denn die Vorurteile ›Frauen können nicht komponieren‹, ›Weib am Steuer‹ gibt es in Russland genauso. Die Frauen sind oft schlecht vertreten in der Regierung und sie machen die schlimmsten Straßenarbeiten und die Männer schlagen sie genauso. Trotzdem habe ich persönlich keine Frau erfahren, die sich minderwertig fühlte. Eher wird es so gesehen: ›Na ja, der Arme kommt jetzt von der Arbeit zurück, na ja, er kann ja nichts dafür, da muss man ihm halt die Pantoffeln bringen.‹ Und in der Kunst war es auch nie so, dass die Frauen sich minderwertig gefühlt haben. Ich weiß nicht, warum. Ich glaube übrigens nicht, dass es nur mit der Sowjetunion zu tun hatte. Wenn man die klassische russische Literatur liest – auch wenn sich die Frauen auf die Schienen schmeißen, so wie Anna Karenina, oder bei Dostojewski … auch wenn die Frauen oft erniedrigt sind, trotzdem ist es nicht das, was es hier ist. Wo das herkommt, weiß ich nicht. Auf jeden Fall hat es tiefere Wurzeln. Ich habe nur ein bisschen Angst, dazu etwas zu sagen, weil es kompliziert ist. Als wir studiert haben, da waren in unserer Kompositionsklasse die Hälfte Mädchen. Mindestens. Das war selbstverständlich.

 

Composer-in-Residence Katia Tchemberdji über ihr Komponieren

»Ich benötige keine Gebrauchsanweisungen für Musik«, sagt Katia Tchemberdji in einem Gespräch, das sie 2002 in Berlin mit Yvonn Drynda geführt hat. »Für mich ist immer der Anfang entscheidend, denn zunächst habe ich nur Töne im Kopf, von denen ich nicht weiß, wo sie herkommen. Das Aufschreiben gestaltet sich dann als schwierig – für mich entscheidet sich der Charakter eines Stückes auch über die Art, wie ich es aufgezeichnet habe.

Das Gefühl des Erlebens hat große Bedeutung, denn man kann durchaus perfekt komponieren, ohne dass ein Stück lebt und damit existiert. Ich vertraue keinen Techniken, sondern dem inneren Hören. Entscheidend sind Proportionen und nicht Theorien. Stücke wachsen und verändern sich auf dem Weg zur fertigen Komposition.

Ich bin in Moskau geboren – in einem sogenannten Komponistenhaus, das unter Stalin errichtet worden war. Meine Großeltern lebten dort. Da sie beide Komponisten waren, wurde mir Musik bereits früh zur Selbstverständlichkeit. Im Alter von sieben Jahren kam ich in eine Musikschule für begabte Kinder und lernte Klavier. Erst mit sechzehn, als meine Großmutter starb, begann ich zu komponieren, obwohl ich es eigentlich gar nicht wollte. Ich hatte großes Glück, denn die Lehrer waren sehr gut. Nachdem ich langsam spürte, dass es ernst werden könnte mit dem Komponieren, habe ich mir immer wieder neue Kleinigkeiten ausgedacht. Während meiner Studienzeit in Moskau waren Edison Denisov oder Alfred Schnittke teilweise wegweisend, auch die jüngere Generation mit Elena Firsova [Composer-in- Residence beim CLASSIX-Festival 2010, Anm. d. R.] und Dmitri Smirnov. Durch meinen Lehrer Nicolai Korndorf wurde ich sehr vielseitig an die damalige westliche Avantgarde herangeführt.

Eine Richtung oder Schule, die mir ein Vorbild ist, kann ich nicht nennen – weil ich selbst vor stilistischen Zuordnungen zurückschrecke. Mich interessiert vor allem die Suche nach neuen Denkwegen, d. h. das Weggehen von einer gewissen Denkroutine. Vorbildcharakter haben für mich in diesem Zusammenhang Igor Strawinsky und Pablo Picasso, denn beide Künstler haben ohne Angst alles ausprobiert. Auch in der Literatur faszinieren mich solche unkonventionellen Formen, wie sie zum Beispiel Garcia Márquez schafft, wenn er den Leser unerwartet in paradoxe Welten entführt. Musik soll berühren und bewegen. In diesem Zusammenhang kann es auch das Experiment geben, doch das ureigene Wesen der Musik kann sich nicht verändern. Die Idee der Zerstörung, des bewussten Aufbrechens, die Distanzierung vom Musikbegriff lehne ich ab. Das ist eine Haltung, die ich vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges allerdings nachvollziehen kann. Zum damaligen Zeitpunkt war klar, dass Kunst wirklich nichts retten konnte, so dass man alles anders machen musste.

Mit meinen Kompositionen möchte ich kurze und prägnante Aussagen treffen. Dinge zu komponieren, so wie es beispielsweise Anton Webern getan hat, das reizt mich und prägt mein Verständnis als Komponistin. Ich möchte immer zum kommen. Dabei entscheidet nicht die Anzahl der Noten, sondern der richtige Moment.«

Weitere biografische Notizen zu Katia Tchemberdji finden Sie hier…

 

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