Überspringen zu Hauptinhalt

In Memoriam Dr. Franz TrögerZum Tode unseres Festivalgründers, Dr. Franz Tröger

Gedenken von Benjamin Schmid, künstlerischer Leiter von Classix Kempten, an einen Freund

Dr. Franz Tröger lernte ich etwa im Jahr 1996 kennen, als ich in seinem Kammerkonzertzyklus am Theater Kempten zum ersten Mal gastierte, damals als Primarius-Einspringer im Pro Arte Streichquartett, und an eine Rarität im Programm kann ich mich erinnern: das Quintett von Heinrich Kaminski. Dieses selten gespielte und recht verquere Werk war eine spezielle Anfrage eines Kemptener Veranstalters, und dieser Eindruck des neugierigen, mutigen Intendanten sollte sich in den Folgejahren bestätigen, in denen sich meine Auftritte in Kempten zunehmend verdichteten:
Beispielsweise führten wir hier neben großem etabliertem Repertoire auch Violinkonzerte von Max Reger, Friedrich Gulda, Ermanno Wolf Ferrari oder Erich Korngold auf, neben Kammermusik von Franz Schmidt, Krisztof Penderecki oder Witold Lutoslawski.

Die meisten dieser ungewöhnlichen Repertoire-Ideen entstanden bei gemeinsamen, von querverbundenem brainstorming geprägten, aber auch sehr lustigen Konversationen nach dem Konzert, meistens beim gemeinsamen Essen und Trinken. Hier war es immer erstaunlich und offensichtlich, welcher Geistesblitz Franz Tröger auf den unterschiedlichsten Gebieten war: Zum Beispiel war ihm praktisch das gesamte Konzertrepertoire bekannt, und er konnte immer aus dem Moment heraus interessante Beziehungen zu anderen Werken, anderen Komponisten und anderen Themen herleiten.

Diese Kombination aus lexikonartigem Gedächtnis, extremem Wissensdurst und höchster Umsetzungsbegabung macht für mich Franz Tröger aus: ein hochintelligenter Macher, der aus einer letztlich emotionalen Hingebung an die Musik heraus eine professionelle Passion machte und diese, wie kein Zweiter, seinem Publikum vermitteln konnte. Ein Publikum, dass er sich über fünf Jahrzehnte geformt hatte und das ihm und seinem Enthusiasmus fast blind, aber jedenfalls nicht taub (!), folgte.

Ganz wesentlich ist hier seine Rolle als Moderator der Konzerteinführungen zu nennen: Hier war einer, der mit der richtigen Mischung aus Charisma, Fachwissen und Erzählqualitäten dem Publikum schon vor dem Konzert größten Appetit auf die kommende Musik machen konnte, der die Vorfreude schon zum Ereignis machte. Denn hier traf man sich und hier lernte man gern Neues, weil es Unterhaltung auf höchstem Niveau war; nicht zuletzt konnte Franz Tröger auch immer wunderbare, teils sarkastische, aber immer geschmackvolle Pointen setzen, die für lockernde Lacher sorgten.

Dass ich ihn besonders in den letzten 10-15 Jahren immer intensiver mit ihm zusammenarbeiten durfte, hat sicher auch mit unserer gemeinsamen Passion für Jazzmusik zu tun: Zu 200 Prozent leidenschaftlich Klassiker, brodelten unsere Herzen immer auch für die Kunst der Improvisation im Jazz, deren rhythmische und harmonische Welt, deren Wahrheitsgehalt des Hier und Jetzt, der wie im richtigen Leben fließen muss. Letztlich führte das auch 2018 zu meiner Funktion des künstlerischen Leiters von Classix Kempten, denn hier war von allen Seiten eine Öffnung in andere hochqualitative Musiksparten neben der zentralen Klassik gewünscht und ich darf bestätigen, wie glücklich und fasziniert Franz Tröger und unser Publikum mit den Konzerten beispielsweise eines Bireli Lagrene, Brad Mehldau, Wolfgang Muthspiel, Mario Rom oder Diknu Schneeberger war.

Nun gerne noch ein persönlicher Kommentar zu meinem lieben Freund: Ich verdanke dem Menschen Franz Tröger so viel, dass es schwer zu beschreiben ist. Nicht nur dass er mich als Geiger geschätzt und öfter als irgendeinen anderen Solisten eingeladen hat, sondern seine Einstellung dem Leben gegenüber: Gelebter Enthusiasmus, immerwährender Respekt und Höflichkeit zueinander, Sensibilität und Humor, größtmögliche Disziplin – aber aus Freude an der Arbeit, Umsetzqualitäten, Verlässlichkeit, Belastbarkeit; und das alles auch im jahrelangen Zustand der gravierenden Lungenprobleme ohne jemals eines Ausdrucks des Jammerns – die positive Liste könnte man noch fortführen; aber über allem: die stets bewusste Freude am Leben. So wie er es beim Mittagessen am Tag seines Ablebens spontan zu unserer Runde sagte: »Es ist so schön, ich hab euch alle so lieb«.

Lieber Franz, du wirst uns fehlen.

Benjamin Schmid, 02.06.2022

 

An den Anfang scrollen