Füstensaal Classix 2009

Leipzig, Mendelssohn und der Norden

Regionaler Schwerpunkt des diesjährigen Kammermusikfestivals Fürstensaal Classix ist der skandinavische Raum. Allerdings ist ein Kulturraum selten ein abgeschlossenes, homogenes Gebilde, sondern hat gewichtige Kerne wie die Königshöfe Stockholm und Kopenhagen im Zentrum und interessante Fransen an der Peripherie (die ›Fransen‹ Finnland und Island bleiben im Festival mehr oder minder unberücksichtigt), hat Beziehungen nach außen und Abgrenzungen nach innen.
Eine wichtige Beziehungslinie führt zum zweiten Schwerpunkt des Festivals, zu Felix Mendelssohn Bartholdy. Denn als Mendelssohn 1835 die Leitung der Gewandhauskonzerte in Leipzig übernahm und dort später die Gründung eines Konservatoriums initiierte, begann Leipzig zu einer Anlaufstelle nicht zuletzt für Musiker aus dem europäischen Norden zu werden. Ein erstes Beispiel ist der Däne Niels W. Gade. Gade kam mit seiner ersten Sinfonie, für die sich in Kopenhagen keine Aufführungsmöglichkeit ergeben hatte, zu Mendelssohn nach Leipzig, der das Potenzial der Musik erkannte und die Uraufführung dirigierte. Gade blieb der Person und der Stadt verbunden, vertrat Mendelssohn in der Leitung des Orchesters und übernahm nach dessen Tod die verbleibenden Konzerte der Saison 1847/48. Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb Leipzig und Deutschland überhaupt eine wichtige Anlaufstelle für dänische oder schwedische Musiker, wie den Biographien einiger der im Festival gespielten Komponisten, zum Beispiel von Peter Arnold Heise, Edvard Grieg oder Franz Berwald, entnommen werden kann.

Neben die kulturelle Orientierung Skandinaviens an Deutschland trat aber im 19. Jahrhundert, wie in fast allen Ländern dieser Größenordnung, auch in Dänemark, Schweden und Norwegen die Suche nach regionalen Wurzeln, nationaler Identität und damit nach Volksmusik, die nun bewusster und präsenter in die Kunstmusik einfloss. Das war aber nicht unbedingt ein Gegensatz, sondern wurde in den ersten Jahrzehnten durchaus von deutschen Komponisten besorgt. Robert Schumann schrieb dazu: »In der That scheint es, als ob die Deutschland angränzenden Nationen sich von der Herrschaft deutscher Musik emancipieren wollen; einem Deutschthümler könnte das vielleicht grämen, dem tiefer blickenden Denker und Kenner der Menschheit wird es nur natürlich und erfreulich vorkommen.« Besonders stark entwickelte sich diese ›Emancipation‹ in Norwegen, das gegen die politische Dominanz Schwedens auf der Suche nach einer eigenen Identität war, und es ist wohl kein Zufall, dass es in dieser Hinsicht eine Künstlerpersönlichkeit, die dem Norweger Grieg vergleichbar wäre, in Schweden nicht gibt.

Die allmähliche Trennung vom deutschen Fluchtpunkt und Hinwendung zu einem nationalen Kulturschaffen wurde von der politischen Entwicklung befördert, erstmals durch die Spannungen und schließlich den Krieg zwischen Preußen und Dänemark, vor allem aber später durch die beiden Weltkriege. Vor allem in Dänemark fällt die lang anhaltende Resistenz gegen kompositorische Entwicklungen wie zum Beispiel die 12-Ton-Kompositionsmethode der Wiener Schule um Arnold Schönberg oder die elektromusikalischen Experimente der 50er Jahre auf. In den anderen Ländern fanden dagegen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kompositorische Entwicklungen schnell ihren Niederschlag, am schnellsten und internationalsten in Norwegen, der Heimat des diesjährigen Composer-in-residence, besannen sich aber immer wieder auch auf harmonische Traditionen und die eigene Volksmusik. So ist der Boden erhalten geblieben, auf dem eine bemerkenswert vielgestaltige und lebhafte Musikkultur ein höchst eigenständiges Repertoire schaffen konnte, das hierzulande noch der Entdeckung harrt.

Dr. Franz Tröger